Ist Stuttgart 21 zu teuer?

Das Nein ergibt sich aus den Antworten auf folgende vier Fragen:

1. Was kriegt man fürs Geld?

Wenn man viel zusammenzählt, kommen auch große Summen heraus. Bei Stuttgart 21 sind es die kalkulierten 4,1 Milliarden Kosten (Stand 2010). Eine Milliarde ist eine für den Normalbürger schwer vorstellbare große Zahl mit neun Nullen. Damit wird aber sehr viel bezahlt: zum Beispiel 57 Kilometer neue Bahnstrecken mit Schienen, Signalanlagen etc., davon 30 Kilometer Schnellfahrstrecke und 33 Kilometer Tunnelstrecken in 16 Tunnels, zwei Fernbahnhöfe, ein S-Bahnhof, ein Bahn-Betriebswerk, 18 Brücken, Planungen, Gutachten, Baulogistik und weiteres mehr. Ob der Preis für das Benötigte und die Leistungen angemessen ist, ist für Außenstehende nicht zu ermessen, zumal Finanzierungskosten und Preisveränderungen über viele Jahre Bauzeit zu berücksichtigen sind.
Den Schwaben traut man bekanntlich zu, dass sie mit Geld sorgsam umgehen können. Ökonomisch profitieren wird die Stadt in jedem Fall.

Ziemlich einfältig und demagogisch ist es, Stuttgart 21 wegen der umfangreichen Maßnahmen ständig als ein 'Milliarden-Projekt' zu titulieren und damit als potenziellen Größenwahn zu skandalisieren. Vergleiche veranschaulichen, was solch eine Investitionssumme bedeutet: Bei 800 Milliarden Wirtschaftsleistung in der Region Stuttgart in der Bauzeit von 8 Jahren machen investierte 4,1 Milliarden nur 0,5 Prozent aus. In Berlin wurden allein für die Bauten der Bahn rund 10 Milliarden ausgegeben. Nach der Wende wurden hier über 50 Milliarden investiert - ein "Nasenwasser" seien im Vergleich dazu die Ausgaben für Stuttgart 21, meint Fred Breinersdorfer (Anzeige der Bahn in der Stuttgarter Zeitung 14. Dezember 2007, das hat sich durch die höheren neu berechneten Kosten nicht wesentlich geändert). Vergleichbare Großstädte wie Hamburg investieren zur Zeit deutlich größere Summen in ihre städtebauliche Zukunftsprojekte wie die Hafencity, den neuen Containerhafen, die internationale Bauausstellung auf den Elbinseln. Und auch die Hamburger - bekannt als kluge Kaufleute - machen das, weil es sich rechnet.

Der Nutzen des neuen Verkehrsknotens in Stuttgart und der neuen Bahnlinien für die städtebauliche Entwicklung in Stuttgart, für die Wirtschaftskraft und für einen menschenfreundlichen und umweltverträglicheren Verkehr auf der Schiene in der ganzen Region ist anfangs ausführlich beschrieben. Auch die Stadt und die Region können aus den Investitionen zusätzliche Einnahmen erwarten, die größer sind als das, was sie anfangs bezahlen müssen.

2. Wie lange kann man das Angeschaffte gebrauchen?

Für etwas, was 100 Jahre und länger funktionieren soll, lohnt es sich nicht, am Grundsätzlichen zu sparen. Wie sehr man das später bereuen kann, können die Stuttgarter bei der Stadtbahnhaltestelle Charlottenplatz erleben. Eine Million DM wurde 1966 gespart, als man auf eine Verteilerebene für das Umsteigen von Tallängslinie und Talquerlinie verzichtete. Aus heutiger Sicht war diese Sparsamkeit ziemlich blöd. Beim Umsteigen muss man einmal oder sogar dreimal zwei Stockwerke überwinden. Dieser Mangel, ist heute - nachträglich - nicht mehr mit vertretbarem Aufwand zu beheben. Übrigens: Schon beim ersten Bahnhof in Stuttgart um 1850 hätten die Planer lieber einen Durchgangsbahnhof gebaut - das konnten sie damals nicht stemmen. Heute ist aber ein solcher besserer Bahnknoten realisierbar und lohnend.

Verbesserungen in kleinen Schritten zu verwirklichen, ist oft ein sympathischer Weg, aber nicht immer eine machbare Alternative. Stetiges Herumdoktern an einem überholten Modell kann auf die Dauer sehr teuer werden und Kompromisse ohne Ende fordern. Da kann ein erstmals aufwändiger Neuanfang schon bald ein erheblich besseres Kosten-Nutzen-Verhältnis erzielen. Der mit Stuttgart 21 im Ganzen neu konzipierte Knoten ist auch deswegen nicht zu teuer, weil er den Verkehr der Zukunft effektiver, flexibler bewältigt als der bisherige Verkehrsknoten mit den Engpässen eines Kopfbahnhofs, und er kann auch weiter ausgebaut werden. Er hat die besten Chancen, wieder über lange Zeit zu funktionieren.

3. Was kann die Stadt Stuttgart bezahlen?

Hier wird mit einer langen Liste von anderen zu finanzierenden Wunschprojekten viel Stimmung gemacht - für die wegen Stuttgart 21 kein Geld da sei. Geld ist immer knapp und man kann es nicht zweimal ausgeben. Die Mittel, die die Stadt für Stuttgart 21 noch einbringen soll - 238,5 Millionen - entsprechen etwa 6% der Gesamtkosten, die in der Stadt und Region investiert werden, ein geringer Eigenanteil für das, was die Stadt alles bekommt.
Was man bezahlen kann, hängt aber vor allem davon ab, was man einnimmt. Es ist also nicht an den Bedürfnissen des Volkes vorbei, wenn Stadt, Region und Land - auch die Wirtschaft - vor allem darauf schauen, dass die Einnahmenseite stimmt. Das viele Geld, das von Europa, Bund, Bahn und Land in Stuttgart investiert wird, ist geradezu ein Motor für Arbeit und Beschäftigung. Eine gut ausgebaute Verkehrsinfrastruktur ist zudem Basis für eine auch zukünftig hohe wirtschaftliche Leistungsfähigkeit. Warum unter diesen Umständen nicht alle Stuttgarter sagen "also her mit dem Geld" ist schwer verständlich. Vielleicht sind manche auch schon zu saturiert, um sich noch dafür zu interessieren, wie wir uns der Zukunft stellen können und müssen.

4. Was kosten versäumte Zukunftsinvestitionen später?

Viel kann man zunächst durch Nichts-Tun oder nur das Minimum-Tun sparen. Altbekannt ist aber, dass wer den Baum nicht pflanzt, ihn später nicht ernten kann. So kann man sich arm sparen.